THE ARTS CIRCLE


Reflektionen zu "In den Wäldern"

Mann, kniend
Mann, kniend (2006)

Mann mit Bogen
Mann mit Bogen (2004)

Mann mit Stock
Mann mit Stock (2006)

Was verbindet uns Menschen mit der Natur? Und was unterscheidet uns von ihr?

Schon diese beiden Fragen zeigen das Paradox menschlichen Seins. Wir sind Natur und sind doch auch getrennt von ihr. Denn heute hat der Mensch sich so weit aus der Natur hervorgearbeitet, daß er sich ihr schließlich gegenüberzustellen wagt. Die Verbindungen sind Vielerorts gekappt. Unsere Freude an der Natur wird uns als sentimentale Illusion verkauft oder als verklärte Romantik abgetan. Diese Gegenüberstellung ist freilich eine Täuschung und als solche von vornherein zum Scheitern verurteilt. Jedoch wird dies weder den Schneeleoparden noch den tropischen Regenwald vor der scheinbar unaufhaltsamen Zerstörung durch den Menschen bewahren.

Wieso aber ist unser Verhältnis zur Natur in solchem Maß gestört?

Wir nehmen Natur falsch wahr, weil die Wissenschaft uns diese über Jahrhunderte falsch gezeigt hat. Wissenschaftler haben lange behauptet, daß es keine Realität außer der toten Materie gibt und daß jegliches Leben auf den gnadenlosen Gesetzen von Überleben und Auslese basiert. Die darwinistische Vorstellung, alles Lebendige sei gleichsam mechanisch von einer egoistischen Gier beherrscht, ist tief in unser Bewußtsein gedrungen. Der Kampf ums Überleben – quasi das Leben als Kampf – machte Furore. Entsprechend diesem Bild behandelt die Menschheit bis heute ihren Planeten. Vielleicht ist dies also der eigentliche Grund für die Naturzerstörung: Wir rotten das Leben aus, weil wir uns über seinen Charakter täuschen.

Doch etwas beginnt sich zu wandeln. Immer mehr spricht dafür, daß alles Lebendige von einer universellen Kraft zusammengehalten wird: dem Empfinden, was ihm gut tut und was ihm schadet. Alles scheint mit allem verbunden zu sein, vom elementarsten Teilchen bis zum komplexen Organismus. Subjektivität wird zu einer naturwissenschaftlichen Größe.

Und so verstehe ich meine Bilder als Modellbilder. In ihnen entwerfe ich den Zustand der Verschmelzung zwischen Mensch und Natur. Die Figuren erscheinen vom Betrachter abgewandt und in sich versunken. Hier spielt der Moment der Selbstreflektion eine wichtige Rolle. Natur – oder besser Wildnis – war den Menschen zu allen Zeiten ein Raum, in den sie sich zurückgezogen haben, um eine Art innerer Selbstschau zu betreiben. Denn Wildnis übt einen reinigenden Einfluß auf uns aus. Sie wischt all das überflüssige, all die Ablenkungen der Zivilisation beiseite und ermöglicht so einen Zugang zum wahren Selbst der Dinge.

Wald ist für mich der Inbegriff von Wildnis. Für diese Waldwildnis suche ich immer wieder archetypische Szenen. Hier spielt die Idee der Geborgenheit eine wichtige Rolle. Der Wald schützt in gewissem Maße vor Umwelteinflüssen wie Hitze, Kälte, Regen und Wind und bietet, im Gegensatz zu Gebirgslandschaften oder Steppen nicht nur einen physischen, sondern auch einen psychologischen Halt, indem er auf engstem Raum eine Vielzahl von Bezugspunkten bietet.

Meine Bilder zeigen Menschen, die sich in der Natur befinden. Sie tauchen tief in den sie umgebenden Raum ein und verbinden sich so mit ihm. Hier kommt auch ein religiöser Aspekt der Bilder zum Tragen. Denn dies ist ja die Grundidee von Religion (religio bedeutet Rückverbindung), sich mit etwas zu verbinden, was man nie ganz fassen kann.

"Menschen suchen die Natur, weil sie etwas in sich Selbst verloren haben. Denn in seinem Körper ist auch der Mensch Natur. […] Tiere und Pflanzen sind uns inniger verwandt, als wir uns lange träumen ließen. An ihnen erfahren wir zentrale Dimensionen unserer Gefühle, ohne die wir seelisch verkümmern müßten." schreibt der Philosoph und Biologe Andreas Weber in seinem Buch Alles Fühlt, und „wir brauchen den Spiegel der Natur um uns selbst zu verstehen.“

Und so erzählen meine Bilder von einer Sehnsucht. Von der Sehnsucht des Menschen, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Wieder einzutauchen in das, aus dem wir hervorgegangen sind und von dem wir uns zwar distanzieren und abgrenzen können (und müssen, um Mensch zu sein), von dem wir aber nie ganz getrennt sind.

Schließlich will ich meinen herzlichen Dank an Andreas Weber richten, dessen Gedanken mich bei meiner Arbeit nachhaltig beeinflußt haben. Seine revolutionäre Idee einer schöpferischen Ökologie bestärkt mich enorm in meiner Weltsicht und in dem, was ich mit meinen Bildern vermitteln will.

Leipzig, 2007 (also posted on joernlies.com)